Demaskierung

 

Ich stehe im Erdgeschoss eines Hotels, im Dachgeschoss findet eine Faschingsparty statt. Überall schwirren verkleidete Menschen herum, Piloten, Ärzte, Krankenschwestern, einige Donald Trumps, Aliens und ein paar Kostüme die ich nicht zuordnen kann. Wir sind eine große Gruppe und betreten den Lift. Mein Finger will "D" drücken, aber irgendetwas in mir wünscht sich eine Fahrt in die andere Richtung, in den Keller. Es ist die Richtung der Demaskierung.

 

Ich drücke -1. Der Lift fährt hinunter. Die Leute schauen mich entgeistert an, ein paar vermuten ich hätte schon vor der Party zu viel getrunken. Alle steigen aus. Ich bin allein aber neugierig. Ich will weiter hinunter.

 

-2 Die Aufzugstüre öffnet sich, ich stehe in einer Garderobe. Es ist Zeit meine Verkleidung abzulegen, das tue ich. Dann geht die Fahrt in die Tiefe weiter.

 

-3 In diesem Stockwerk zeigen sich meine Gedanken, all das was ich in meinem Kopf mit mir herumschleppe. Meine Meinungen, Konzepte, Wünsche, Erfahrungen und Erinnerungen. Das alles bleibt zurück und dann geht es weiter, hinab ins nächste Stockwerk.

 

-4 Es ist die Ebene der Gefühle. Ich werde mit meiner Angst, mit Freude, Trauer und Wut konfrontiert. Alles kommt hoch. Alles was sich im Laufe meines Lebens in mir angesammelt hat, ist jetzt da. Ich lache, weine, bin wütend und habe Angst. Nach einer Weile legen sich die Gefühle wieder und ich bin bereit weiterzufahren.

 

-5 Die Türe das Lifts öffnet sich. Es ist mucksmäuschenstill, eine innere Ruhe breitet sich aus, der Raum scheint grenzenlos zu sein. Ich genieße die Weite und die Stille für einige Zeit. Dann will ich herausfinden, ob es noch tiefer geht.

 

-6 Da ist Nichts. Ich bekomme Angst. Dieses Mal ist die Angst existenzieller. Es ist die Angst vor dem Tod. Was bleibt von mir übrig? Wer bin ich, wenn alles weg ist? Was ist unsere Essenz?

 

"Erst wenn du dich in diesen tiefen Abgrund und die Unendlichkeit fallen lässt, erst dann bekommst du eine Ahnung davon, was wirklicher Frieden ist", sagt der spirituelle Lehrer und Psychotherapeut Christian Meyer.

 

Macht es Sinn sich mit dem eigenen Abgrund, dem eigenen Tod auseinanderzusetzen? Obwohl ich mich ja derzeit noch quietschlebendig fühle, scheint die Antwort klar.

Ich beschließe wieder hinauf ins Erdgeschoss zu fahren, mittlerweile sind alle Menschen weg. Die Musik von der Party am Dach ist zu hören, ich fahre hinauf, die Party läuft, alle sind gut drauf. Die Menschen machen die Polonaise und sind fröhlich. Das beste Kostüm wird gewählt. Niemand scheint sich für die Demaskierung im Keller zu interessieren.

 

Es ist okay, heute wird gefeiert.

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